Scheren – Sinnvoll oder nicht?
13. Februar 2012
Es soll jeder für sich selbst entscheiden, ob er sein Pferd scheren will oder nicht. Ich gebe hier nur meine Meinung wieder und stelle ein paar Infos zur Verfügung, in der Hoffnung, dass nicht mehr so viele Pferde unnötigerweise Fell lassen müssen.
Das Scheren der Pferde ist meiner Meinung nach nicht notwendig, ja sogar unsinnig. Wer einen möglichst natürlichen Umgang mit seinem Pferd pflegt, der wird es nicht scheren. Für einen Profireiter, der auch im Winter im Training ist, mag es Sinn machen sein(e) Pferd(e) zu scheren, da die Belastung im Training doch enorm ist und auch die Zeit zum anschliessendem Trockenführen nicht reicht. Doch auch hier, wer einen möglichst natürlichen Umgang pflegt, gönnt dem Pferd eine Winterpause. Auch ein Spitzenpferd braucht Regeneration.
In der Freizeitreiterei ist das Scheren in meinen Augen aber völlig unnötig, wenn nicht sogar kontraproduktiv. Eine Ausnahme bilden hier Pferde mit massiven gesundheitlichen Problemen, aber die sollten eh nicht nass geritten werden. Ein Pferd, welches auch im Sommer einen Winterpelz macht kann man natürlich “erleichtern”.
Bedenkt auch, wer sein Pferd schert nimmt ihm eine natürliche Schutzfunktion und muss es immer und in jeder Situation mit einer Decke warmhalten – beim Putzen, beim Warmreiten, beim Abreiten …
Wissenswertes:
Pferde sind Steppenbewohner und keine Höhlenbewohner. Sie halten sich lieber im Freien auf als in einer einengenden Behausung. Deshalb verfügen die Pferde über einen ausgeklügelten Klimaschutz – ihr Fell. Bei hohen Temperaturen liegt das Fell an der Haut an und hält so u.a. die Hitze ab. Bei tiefen Temperaturen wird das Fell aufgestellt, bildet ein “Luftpolster” und isoliert gegen die Kälte. Ein gesundes Pferd friert nicht so schnell, wie wir immer zu glauben meinen und auch hohe Temperaturen im Sommer sind für das Pferd in der Regel kein Problem.
Das Fell hat aber noch eine weitere Funktion, es beeinflusst auch die Schweissbildung. Je mehr sich der Körper aufwärmt, desto mehr Schweiss wird zur Kühlung produziert. Das Fell verhindert nun, dass diese “Kühlflüssigkeit” ohne Wirkung einfach am Körper herunter läuft oder sogleich wieder verdampft. Das Fell hält den Schweiss in den äusseren Schichten zurück und verhindert, dass das Pferd überhitzt und immer mehr und mehr Schweiss nachproduzieren muss. Fehlt diese Regulierung schwitzt das Pferd mehr und der Organismus kann überlastet werden oder die Leistungsfähigkeit kann eingeschränkt werden.
Sobald die Kühlfunktion des Schweisses nicht mehr gebraucht wird, trocknet die Haut der Pferde innert weniger Minuten wieder ab, nur die Haarspitzen des Fells sind noch nass. Das macht dem Pferd eigentlich genau so wenig, wie wenn es im Schneetreiben oder im Regen nass wird. Ein Pferd, dass sich im Schnee wälzt, wird auch nicht gleich trocken gerieben. Durch das Aufstellen der Haare bildet sich ein isolierendes Luftpolster, dass die Nässe und die Kälte zurückhält. Wichtig ist, dass ein nasses Pferd nicht in der Zugluft steht. Ein Pferd in der freien Natur oder in einem Offenstall sucht sich einen geeigneten Platz. In der Box ist das nicht immer gegeben, hier also unbedingt darauf achten.
Fazit:
Das Scheren der Pferde ist aus meiner Sicht völlig unnötig. Oft ist das Scheren auf Unwissenheit oder auf Bequemlichkeit des Pferdehalters zurück zu führen. Wenn ich mir die Zeit nehme mit meinem Pferd zu arbeiten, muss ich mir auch die Zeit nehmen mein Pferd trocken zu führen. Pferde sind Lebewesen, die von uns Zeit abverlangen und keine Sportgeräte, die man nach der Tour wieder in den Keller stellt.
Mit dem Scheren nehmen wir dem Pferd die Möglichkeit seine Körpertemperatur zu regulieren. Damit es nicht friert, müssen wir es zu jeder Zeit eindecken. Somit verliert das Pferd den natürlichen Wärmeaustausch und dies kann bei plötzlicher Sonneneinstrahlung zu einem Hitzestau führen, da die Wärme unter der Decke nicht abtransportiert wird.
Bei tiefen Temperaturen kann man seinem Pferd sicherlich mal eine Decke auflegen, aber sobald die Temperaturen wieder gegen 0° steigen, darf die auch wieder runter … Werden Pferde über einen langen Zeitraum eingedeckt, kann der Haaransatz durch den permanenten Druck und allfälligen Scheuerstellen der Decke beschädigt werden. Das Pferd ist nicht mehr in der Lage seine Haare aufzustellen und das Fell verliert so seine isolierende Wirkung. Der Teufelskreis beginnt.
Arbeite und reite als Freizeitreiter mit deinem Pferd vernünftig und auch der Witterung angepasst. Selbst ein Langläufer geht bei -20° nicht in die Loipe. Die Turniersaison hat auch Winterpause und ein gut trainiertes Pferd übersteht auch mal eine gewisse Zeit ohne “Höchstleistung”. Im Gegenteil, eine Ruhephase ist in einem ausgelichenen Trainingsplan unabdinglich. Das Pferd geniesst auch einen Ausflug im Schritt – die Frage ist eher, ob es der “ehrgeizige” Reiter auch geniesst?
Pferde scheren – sinnvoll oder nicht? Jeder soll für sich selbst entscheiden. Für mich kommt es jedoch nicht in Frage.
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